Die Waschmaschine - Drama in 5 Akten

Ein Blogeintrag, verfasst nach dem Aufbauschema eines klassischen Dramas. Michelle ist glücklich, sie ist endlich nach Paris gezogen. Doch das anfängliche Glück währt nur kurz...

Das Original wurde hier gepostet:
La vie est belle: ein halbes Jahr Paris
Damit mein ganzes Kanti-Wissen nicht einfach so in einer Ecke meines Gehirns verstaubt, habe ich mich entschieden, „Michelle und die Waschmaschine“ als klassisches Drama in fünf Akten zu erzählen. Für diejenigen unter euch, die nicht (mehr) so genau wissen, wie so ein klassisches Drama aufgebaut ist, hier eine kleine Grafik, die ich mit Hilfe meines besten Freundes Google gefunden habe:
Da eine Aufführung meines Dramas noch nicht geplant ist, habe ich hier mal den Fokus auf den Inhalt gelegt. Falls jemand das Bedürfnis verspürt, daraus ein Theatersück zu machen, sendet mir ruhig eure Vorschläge per Mail. Verfasst euer Drehbuch aber bitte im Reimschema des Trochäus.
1. Akt: Einzug ins Paradies

Michelle ist frisch nach Paris gezogen und lernt ihre Vermieterin kennen. Madame Zelis würde man als „très speed“ bezeichnen, was auf Deutsch etwa so viel heisst wie „auf zack“. Sie ist eine typische Französin: akkurate Frisur, zierliche Figur und so schnell sprechend, dass Michelle sie trotz guten Französischkenntnissen meist nicht versteht. Nebst dem ist Madame Zelis auch noch wahnsinnig freundlich und es wird während der Inventur etwas geplaudert.
Zu Michelles Überraschung werden auf der Inventurliste sämtliche Gegenstände der Wohnung vermerkt und sogar jeder Löffel wird einzeln gezählt. Michelle erfährt einiges über die Vergangenheit ihrer neuen Wohnung. Der Vormieter war zum Beispiel „un jeun homme très sympa“, was nicht wirklich zu der Wohnungseinrichtung passte, denn das Apartment hatte durchaus einen femininen Touch: rosa Bad mit schnörkeliger Ziertapete, Küche mit floralen Wand-Tattoos, diverse rosa Möbel und ein riesiges Rosenbild über dem Sofa. Zu diesem Zeitpunkt ahnte die Heldin jedoch noch nichts, von den Steinen, die ihr der „jeune homme très sympa“ in den Weg gelegt hatte..

2. Akt: Keine Macht dem Kalk

Monolog von Michelle:
„In den ersten beiden Tagen fand ich meine Wohnung noch perfekt. Verglichen mit dem 9m2-Schuhkarton, den ich in Nizza bewohnt hatte, ist das hier ein Schloss. Und es ist auch noch sooo niedlich eingerichtet. Das Geheimnis des Verliebt-bleibens ist ja im Prinzip, nicht so genau hin zu schauen. Leider habe ich genau hingesehen. Den ersten Schock habe ich erlitten, als ich heute zum ersten Mal Kaffee kochen wollte. Heilige Schneeflocke! Noch nie in meinem Leben habe ich so viel Kalk gesehen. Im Wasserkocher hatte sich förmlich eine Tropfsteinhöhle gebildet. Und Schimmelpünktchen am Ausgusssieb komplementierten den Anblick. Wäh! Das hier ist ein Fall für das Gesundheitsamt. Ist diesem jeune homme während dem ganzen letzten Jahre nie die Idee gekommen, er könnte mal Entkalker benutzen? Wenn ich so darüber nachdenke, war ich auch in meiner WG in Bern die einzige, die glänzende Wasserhähne hinterliess, wenn ich geputzt habe. Männer!  Und tatsächlich: Bei den hinterlassenen Putzmitteln befindet sich kein einziges Mittelchen gegen Kalk, dafür aber ein Insektenspray, etwas mit Javel und Backofenreiniger. Dabei gibt es in dieser WOhnung gar keinen Backofen.“
Die verkalkten Armaturen sind schnell wieder glänzend gemacht, nur der Spa-Duschkopf bereitet ihr Sorgen. (Ja, ihre Dusche hat neben dem normalen Duschkopf auch noch eine riesige Brause, so luxuriös lebt hier.) Da ist nicht nur Kalk dran, sondern auch etwas Grünes, das sich wie kleine Adern um die Düsen herum rankt. SIe würde zwar nie zugeben, dass sie einen Putzfimmel hat, aber kann auch nicht nackt in derselben Dusche stehen, wie eine Duschbrause mit grünen Adern. Michelles erster grosser Shopping-Trip ging also nicht zur Galéries Lafayette, um sich eine klassisch-elegante, teure Handtasche zu kaufen, sondern in den nächsten Supermarkt. Um diesen Akt etwas abzuküren, wird hier nicht ausführlich beschrieben, welche Begeisterung die Riesenauswahl an Putzmitteln bei ihr auslöst, es sei jedoch erwähnt, dass die Protagonistin fortan wieder gerne duschen wird.
Zufrieden mit ihrer hausfraulichen Leistung – so viel hat sie schon ewig nicht mehr geschrubbt - wagt sich Michelle nun an die Königsdisziplin des Hausfrauendaseins: Wäsche waschen. Da sie seit jeher eine grosse Abneigung gegen Waschmaschinen hat (all die Knöpfe schüchtern sie irgendwie ein), steht sie diesem Projekt am kritischsten gegenüber. Die Bedrohung der zur Neige gehenden sauberen Unterwäsche, zwingt sie jedoch dazu, sich dieser Urangst zu stellen. 
Nach intensivem Betrachten aller Knöpfe und Drehschalter (eine Gebrauchsanweisung ist nicht vorhanden), befüllt sie die Waschmaschine mit den Kleidungsstücken, die am wengisten sentimentalen Wert haben und startet einen Testlauf. 
 3. Akt: die Quelle des Bösen

Es ist Abend. Michelle betritte ihre Wohnung. Ein merkwürdiger Geruch steigt in ihre Nase. Sie verzieht ihr Gesicht zu einer angewiederten Grimasse, geht davon aus, dass ihr noch der Fischgeruch vom Supermarkt um die Ecke in der Nase hängt und legt ihre Jacke auf einen Stuhl. Die Waschnmaschine ist fertig mit ihrer Arbeit. Wider Michelles Erwartungen war keine Wasserlache am Boden und auch nichts durch einen Kurzschluss in Brand gesteckt worden währen sie spazieren war. (Michelles Tipp für alle, die oft enttäuscht werden: Wenn man vom Schlimmsten ausgeht, wird man meistens positiv überrascht.) Irgendwie schaffte sie es, die Wäsche ohne Wäschekorb ins Badezimmer zu befördern, wo sie anschliessend beginnt, sie aufzuhängen. Während dem Aufhängen steigt ihr wieder dieser komische  Geruch in die Nase. Naiv nimmt sie an, dass der Geruch aus den Rohren kommen muss. Die Wäsche ist ja frisch gewaschen.
Am späteren Abend betritt Michelle wieder das Badezimmer. Angewiedert vom Geruch gibt sie einen Würgelaut von sich. Das ganze Badezimmer stinkt nach… Moder und Schimmel. Nett. Die Heldin ringt sich dazu durch, an der Wäsche zu schnüffeln. Und bereut es sogleich. Die frisch gewaschenen Tücher entpuppen sich als Quelle des Bösen! In ihrer Verzweiflung verdächtigt Michelle zuerst das hypoallergene Waschmittel. Doch ein Schnuppern an der Waschmittelflasche entlastet dieses sofort wieder. Widerwillig steckt sie den Kopf in die Waschmaschine – und erstickt fast. Da ist der Geruch wieder, nur viel, viel stärker. In völliger Verzweiflung setzt sich die Protagonistin auf den Boden. 
Der „jeune homme“, der vor ihr hier gelebt hatte, wusste also nicht nur nicht, wie man Entkalker verwendet, sondern er hatte es auch irgendwie geschafft, dass sich die Waschmaschine in eine stinkige Dreckschleuder verwandelt hat. Was sollte sie mit einer Waschmaschine, die dreckige Wäsche in stinkige Wäsche verwandelte?

4. Akt: The struggle is real

Was tut die moderne Frau, wenn ihre Waschmaschine stinkt? – Genau, sie ruft ihre Mutter an. (Mit einem Handyabo von Free kann man nämlich gratis ins Schweizer Festnetz anrufen) Zusammen mit Mama und Google erstellte sie einen 5-Schritte-Plan zur Beseitigung des Gestanks:
1. Michelle lässt die Waschmaschine leer bei 95°C laufen, damit sie sich reinigen kann.
- Bringt genau gar nichts.
2. Michelle behandelt Waschmittelschublade und die Maschine selbst mit Waschmaschinenreiniger.
- Die Waschmaschine sieht sauberer aus, stinkt aber immer noch zum Himmel.
3. Michelle reinigt die Gummidichtungen.
– Was in den Gummifalten der Waschmaschine hervor kommt, ist so grauenhaft, dass es Michelle noch in ihren Träumen verfolgen wird! Selbst mit dem Javelreiniger des jeune hommes lässt sich das Grauen nicht vollständig entfernen und der Geruch bleibt auch.
4. Michelle googlet den Aufenthaltsort des Flusensiebes und reinigt es.
- Das Flusensieb ist sauber, die Abdeckung ist etwas verbogen, aber die Waschmaschine stinkt immer noch.
Nachdem alle bisherigen Versuche gescheitert sind, blieb nur noch Schritt 5 übrig:
5. Michelle rastet aus, flucht, haut die Waschmaschine und berichtet ihrer Mama per WhatsApp über ihr Versagen und die beschissene, verfluchte, scheiss Schrottmaschine.
5. Akt

Michelle bekommt den entscheidenden Tipp von ihrer Vermieterin.
Sie geht in den Supermarkt und kauft eine gigantische Flasche Javel-Wasser. 
Mittlerweile ist sie so verzweifelt, dass sie ihr ökologischs Gewissen über Bord wirft.  Sie schüttet einen ganzen Liter der Bleichmittels  ins Waschmittelfach der Maschine und lässt sie auf 90°C laufen. Da ihr mittlerweile alles egal ist, wiederholt sie den Vorgang ohne Rücksicht auf Verluste. Sie ist wild entschlossen, die Waschmaschine zu besiegen. Und siehe da: die Waschmaschine riecht nicht mehr nach Moder. Die Waschmaschine riecht tatsächlich nicht mehr nach Moder!

Die ganze Wohnung richt jetzt wie ein Hallenbad, aber der Schimmelgestank ist besiegt.
Michelle hat gewonnen.

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